Post-Quanten-Kryptographie: Warum Unternehmen jetzt handeln müssen.
Quantencomputer werden RSA und elliptische Kurven brechen. Die NIST-Standards stehen fest, das BSI empfiehlt die Migration. Was Unternehmen über Post-Quanten-Kryptographie wissen müssen und wie die Umstellung gelingt.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026
Die Kryptographie steht vor dem größten Umbruch seit Jahrzehnten.
Die asymmetrische Kryptographie, auf der ein Großteil der digitalen Sicherheitsinfrastruktur beruht, ist durch die Entwicklung leistungsfähiger Quantencomputer grundlegend gefährdet. Verfahren wie RSA oder ECDSA stützen sich auf mathematische Probleme, die ein ausreichend großer Quantencomputer mit Shors Algorithmus effizient lösen könnte. Damit würden digitale Signaturen, verschlüsselte Kommunikation und Zertifikatsinfrastrukturen ihre Schutzwirkung verlieren.
Kryptographisch relevante Quantencomputer existieren noch nicht. Gleichwohl empfiehlt das BSI, die Migration bereits jetzt einzuleiten. Denn der Umstieg kryptographischer Infrastruktur ist ein langwieriger Prozess, der erfahrungsgemäß 5 bis 10 Jahre in Anspruch nimmt. Hinzu kommt die Bedrohung durch sogenannte Harvest-now-decrypt-later-Angriffe: Staatliche Akteure sammeln bereits heute verschlüsselte Kommunikation, um sie nach Verfügbarkeit eines Quantencomputers zu entschlüsseln.
2024 hat das NIST die ersten finalen Standards für Post-Quanten-Kryptographie veröffentlicht. Damit besteht erstmals eine verbindliche Grundlage für die Migration. Unternehmen, die heute mit der Inventur und Planung beginnen, sind gegenüber dem regulatorischen und technischen Wandel erheblich besser positioniert.
Praxishinweis
Der dringlichste Handlungsbedarf besteht für Daten mit langfristiger Vertraulichkeitsanforderung. Wer heute Daten mit Schutzfristen von 10 oder mehr Jahren verarbeitet, muss davon ausgehen, dass diese Daten bereits durch Harvest-now-decrypt-later-Angriffe gesammelt werden.
Sechs Dimensionen der Post-Quanten-Migration.
Die Quantenbedrohung
Shors Algorithmus macht asymmetrische Kryptographie auf Basis von RSA, DSA und elliptischen Kurven angreifbar. Symmetrische Verfahren wie AES-256 und kryptographische Hashfunktionen sind deutlich robuster, erfordern aber bei Bedarf größere Schlüssellängen.
- RSA, DSA, ECDSA, ECDH: von Quantenangriffen bedroht
- AES-256, SHA-3: ausreichende Quantenresistenz bei richtiger Schlüsselgröße
- Grover-Algorithmus halbiert effektive Schlüssellänge symmetrischer Verfahren
- TLS, SSH, PKI-Infrastrukturen unmittelbar betroffen
NIST-PQC-Standards 2024
Das NIST hat 2024 vier finale Standards veröffentlicht. ML-KEM und FN-DSA basieren auf gitterbasierten Verfahren, SLH-DSA auf hashbasierten Signaturen. Diese Standards gelten als erste verbindliche Grundlage für die PQC-Migration.
- FIPS 203 (ML-KEM): Schlüsselkapselung, ehemals CRYSTALS-Kyber
- FIPS 204 (ML-DSA): digitale Signaturen, ehemals CRYSTALS-Dilithium
- FIPS 205 (SLH-DSA): hashbasierte Signaturen, ehemals SPHINCS+
- FIPS 206 (FN-DSA): digitale Signaturen, ehemals FALCON
BSI-Empfehlungen
Das BSI empfiehlt in der Technischen Richtlinie TR-02102 die schrittweise Migration zu quantenresistenten Algorithmen. Für die Übergangsphase befürwortet das BSI hybride Kryptographie, die klassische und PQC-Verfahren kombiniert.
- TR-02102: verbindliche Empfehlungen zu kryptographischen Verfahren
- Hybride Kryptographie für Übergangsphase empfohlen
- Priorität: Schutz langfristig vertraulicher Daten
- Crypto-Agility als strukturelles Ziel
Harvest-now-decrypt-later
Staatliche Akteure sammeln heute bereits verschlüsselt übertragene Daten mit dem Ziel, diese nach Verfügbarkeit eines Quantencomputers zu entschlüsseln. Diese Bedrohung ist für Daten mit langfristiger Vertraulichkeitsanforderung unmittelbar relevant.
- Betroffen: Daten mit Schutzfristen von 10 oder mehr Jahren
- Typische Bereiche: Gesundheit, Finanzen, Staatsgeheimnisse, F&E
- Verschlüsselung heute schützt nicht vor zukünftiger Entschlüsselung
- Sofortiger Handlungsbedarf für hochkritische Kommunikation
Hybride Kryptographie
Hybride Kryptographie kombiniert klassische und PQC-Algorithmen. Beide Verfahren müssen unabhängig voneinander gebrochen werden, um die Sicherheit aufzuheben. Damit wird die Übergangsphase sicherer und Interoperabilitätsprobleme lassen sich schrittweise lösen.
- Klassisches Verfahren (z.B. ECDH) plus PQC-Verfahren (z.B. ML-KEM)
- Sicherheit bleibt auch bei Schwäche eines der Verfahren erhalten
- TLS 1.3 unterstützt bereits hybride Schlüsselvereinbarungen
- Empfohlen von BSI und NIST für die Migrationsphase
Crypto-Agility
Crypto-Agility bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, kryptographische Algorithmen ohne tiefe Umstrukturierung austauschen zu können. Sie ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Unternehmen auf neue Bedrohungen und neue Standards reagieren können, ohne jede Anwendung neu zu entwickeln.
- Algorithmen in konfigurierbaren Parametern kapseln, nicht hardcoden
- Kryptographie-Bibliotheken abstrahieren und zentral verwalten
- Schlüssellängen und Algorithmen über Konfiguration steuerbar machen
- Voraussetzung für die langfristige Reaktionsfähigkeit
Kryptographie strukturiert auf Quantensicherheit umstellen.
Inventur und Klassifizierung
Alle eingesetzten kryptographischen Verfahren, Schlüssellängen und Abhängigkeiten erfassen. Systeme und Daten nach Schutzbedarf und Vertraulichkeitsdauer klassifizieren, um Prioritäten für die Migration zu setzen.
Risikoanalyse und Priorisierung
Bedrohungen durch Harvest-now-decrypt-later bewerten, kritische Systeme identifizieren und eine Migrationsreihenfolge festlegen. Hochkritische Kommunikationsstrecken erfordern sofortigen Handlungsbedarf.
Migration und Testbetrieb
NIST-konforme PQC-Algorithmen einführen, zunächst als hybride Lösung neben klassischen Verfahren. Systeme testen, Zertifikatsinfrastrukturen anpassen und schrittweise auf quantenresistente Verfahren umstellen.
Crypto-Agility und Monitoring
Crypto-Agility strukturell verankern, damit künftige Algorithmuswechsel ohne Neuentwicklung möglich sind. Entwicklungen bei NIST, BSI und Angreifern kontinuierlich beobachten und Kryptographie-Richtlinien regelmäßig aktualisieren.
Migration auf quantensichere Kryptographie.
Krypto-Inventur, Risikobewertung und Migration zu quantenresistenter Kryptographie — strukturiert und normgerecht umgesetzt.
Kostenloses Erstgespräch buchen